1. Nachrichten
  2. Sport
  3. Fußball
  4. WM 2010
  5. WM-Qualifikation: Beginn eines Wachwechsels

WM-Qualifikation: Beginn eines Wachwechsels
WM-Qualifikation - Deutschland - Russland
dpa Bild 2/5 - Das Debüt des jungen René Adlers: Der Torwart von Bayer 04 Leverkusen machte seine Sache im ersten A-Länderspiel seiner Karriere sehr gut
WM-Qualifikation Deutschland - Russland
dpa Bild 4/5 - Der Kapitän Michael Ballack ist nach drei Spielen wieder dabei. Und er schoss sogleich ein Tor. In der 29. Minute hielt er zur richtigen Zeit das Bein hin – 2:0 für Deutschland.
5

Ohne Routinier Torsten Frings blüht Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft auf. Eine neue Generation übernimmt Verantwortung.

Torsten Frings hatte es eilig. So schnell wie möglich wollte er hinter den schwarz getönten Scheiben des Busses der deutschen Fußball-Nationalmannschaft verschwinden. Am liebsten hätte er sich wohl gleich in Luft auflösen wollen. Mangels entsprechender überirdischer Kräfte begnügte er sich damit, im Stechschritt an den Journalisten in den Katakomben des Dortmunder Stadions vorbei zu eilen. Von einem Reporter auf den soeben errungenen 2:1-Sieg der DFB-Elf im WM-Qualifikations-Spiel gegen Russland angesprochen, streichte sich der Mittelfeldmann nur genervt die frisch geduschten Strähnen aus dem Gesicht und hechtete in das rettende Gefährt. Ähnlich fix abreisebereit meldete sich lediglich Tim Wiese – der Ersatztorwart.

Zwar war Frings indirekt am Erfolg der Deutschen beteiligt. Die Art und Weise seines Beitrags gefiel ihm aber ganz und gar nicht. Bundestainer Joachim Löw hatte den Defensiv-Routinier zum Anpfiff überraschend auf die Bank gesetzt und erst in der 83. Minute eingewechselt. Ein Schachzug, der sich in ungeahntem Maße auszahlen sollte.

Aufblühen ohne Autorität



„Das war das beste Spiel seit ich in dieser Mannschaft bin“, schwärmte Innenverteidiger Heiko Westermann nach dem Schlusspfiff. Ohne die oft rüde Autorität Frings blühte die Auswahl zumindest in der ersten Hälfte förmlich auf und spielte in Sphären, in denen sie sich vorher schon länger nicht mehr hatte blicken lassen.

Unter der Woche hatte Löw einiges dafür unternommen, seine Leitwölfe zu gewöhnlichen Rudelmitgliedern zu stutzen. Neben Frings hatte er auch Kapitän Michael Ballack und Verteidiger Per Mertesacker die Auflauf-Garantie aberkannt. Die Jungen nutzten das Machtvakuum auf dem Feld. Schienen sie zuvor oft gehemmt durch die lautstarken Chefs, übernahmen sie gegen Russland Verantwortung.

Wie im Sommermärchen

Allen voran Bastian Schweinsteiger spielte wie zu Zeiten des fernen Sommermärchens. Nimmermüde wirbelte er als steter Gefahrenherd über das Feld, tauchte auf beiden Flügeln auf und dribbelte sich energisch in den russischen Strafraum. Ballacks Tor zum 2:0 bereitete er mit einer millimetergenauen Flanke vor. „Sehr stolz“, sei er auf diese Leistung, ließ der Münchener später wissen.

Ballack angesteckt

Aber auch Stürmer Lukas Podolski, der den ersten Treffer erzielte, Linksaußen Piotr Trochowski und der für Frings spielende Thomas Hitzelsperger präsentierten sich teils überragend. Und Ballack? Statt ob des Bundestrainers Bugschuss den Beleidigten zu mimen, ließ er sich in Hälfte eins von der Spielfreude der Jungen anstecken. Winkte er in den ersten Minuten bei Fehlpässen noch wütend ab, feuerte er seine Mannschaft wenig später mit geballter Faust an und reihte sich in die muntere (obgleich erfolglose) Fernschuss-Riege ein.

Während Frings nach der Partie im Bus schmollte, feierte der Rest des Teams in der Kabine den soeben errungenen Coup. Drei Punkte gegen den ärgsten Konkurrenten um den ersten Platz in der Gruppe 4 waren Anlass genug.

Gelöste Stars

Gelöst stellten sich die Stars des Abends anschließend den Fragen der Journalisten. Solchen nach den Auswirkungen der Löwschen Personalpolitik wichen sie allerdings geschickt aus. „Wir haben 2:1 gegen Russland gewonnen. Natürlich hatte der Trainer recht mit seiner Aufstellung“, formulierte Verteidiger Philipp Lahm gekonnt allgemein.

Zum Hochmut scheint die nächste Generation ohnehin weniger zu neigen. „Jetzt müssen wir gegen Wales nachlegen“, forderte Trochowski, ohne sich lange mit dem gerade erkämpften Sieg aufzuhalten. Nur der überragende Torwart Rene Adler gab zu, dass er jetzt doch noch eine Nacht brauche, um zu realisieren, was ihm da eben gelungen sei.

„Kommt schon, Abfahrt“

Ein dumpfes Pochen unterbrach die Antworten der Jung-Profis. Hinter dem Rückbankfenster des DFB-Busses tauchte der Kopf von Mittelfeldkraft Jermaine Jones auf. „Kommt schon, Abfahrt!“, deutete er seinen umringten Kollegen. Dann prustete er los. Davon, dass er gegen Russland nicht zum Kader gehörte und das Spiel deshalb von der Tribüne aus verfolgen musste, ließ er sich die gute Laune nicht nehmen. Im Gegensatz zu Frings hat der 26-Jährige seine Zukunft in der Nationalmannschaft noch vor sich.

 
Anzeige
 
 
Zum Thema

Vielen Dank! Ihr Kommentar wurde abgeschickt.

Im Interesse unserer User behalten wir uns vor, jeden Beitrag vor der Veröffentlichung zu prüfen. Als registrierter Nutzer werden Sie automatisch per E-Mail benachrichtigt, wenn Ihr Kommentar freigeschaltet wurde.

Artikel kommentieren Netiquette | AGB
Bitte loggen Sie sich vor dem Kommentieren ein Login
Überschrift Kommentar-Text
Leser-Kommentare (6)
Bei den folgenden Kommentaren handelt es sich um die Meinung einzelner FOCUS-Online-Nutzer. Sie spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wider.

17.10.08, 11:28 | andrac

Frings soll sich nicht so haben

Er soll sich mal ein Beispiel an Kahn nehmen und sich überlegen, was er der Mannschaft noch geben kann - vor seinem Rücktritt nach der WM 2010.

Antwort schreiben

13.10.08, 12:16 | Anonym

Als ob das die Granate war

Zugegeben die erste Halbzeit war gut und überlegt. Die zweiten 45 Minuten waren Hasenfußfußball aller erster Kategorie und die Russen hätten den Ausgleichstreffer eher verdient gehabt, als die Deutschen einen Sieg.

Antwort schreiben

12.10.08, 18:56 | Anonym

Aufbruch

Leider muss ich ihnen teilweise widersprechen Frau Müller. Frings war damals gut, das bezweifelt auch keiner, aber es ist nunmal an der Zeit für 2010 eine neue Mannschaft aus Erfahrung und jungen Spielern zu formen. Da Frings nicht richtig fit ist, ist es definitiv gerechtfertigt ihn nicht aufzustellen. In der Nationalmannschaft wird sich bis 2010 noch Einiges ändern.

Antwort schreiben

12.10.08, 17:58 | Lisa Müller

Frings

Sieht man die überzeugende 1. Halbzeit gegen Russland als Anknüpfen an die WM 2006 und begründet die vorliegende Leistungssteigerung gleichzeitig mit Frings gestrigem Nichteinsatz, so muss an dieser Stelle an Frings überragende Leistungen in den WM- Spielen erinnert werden, die das "Sommermärchen" prägten und erst möglich machten.Frings gehört in die Stammformation und sich weiterhin behaupten

Antwort schreiben

12.10.08, 14:51 | Commander

Frings

Auf Frings kann man sehr schlecht verzichten, aber in Zukunft sollten wir es einmal probieren...

Antwort schreiben

12.10.08, 14:04 | Doris Scholz

Sehr differenzierter Artikel...

... du meine Güte, der liest sich so, als habe Deutschland primär wegen Frings Nichteinsatz gewonnen. Demnach verdankt Deutschland den Sieg also auch allen anderen Bankdrückern - und nicht zuletzt dem auf der Tribüne glänzenden Kuranyi, der sich von dort allerdings auf Nimmerwiedersehen verdrückte... Ein Hoch auf Frings und die Bank! Hurra Deutschland!

Antwort schreiben
Sie waren einige Zeit inaktiv, Ihr zuletzt gelesener Artikel wurde hier für Sie gemerkt.
Zurück zum Artikel Zur Startseite
Lesen Sie auch