Werder-Trainer Schaaf "Ich habe innerlich nonstop Beifall geklatscht"
Werder-Trainer Schaaf: "Ich kann mir vieles Vorstellen"
Foto: CHRISTIAN CHARISIUS/ REUTERSFrage: Nehmen Sie sich andere Mannschaften zum Vorbild?
Schaaf: Ja, inspirieren lasse ich mich schon. Ich schaue gerne zu und überlege mir, was die für Ideen haben, was für eine Philosophie dahinter steckt und wie die Umsetzung aussieht. Wie schaffen die das? Mich kann ein Spiel begeistern, aber auch Auszüge daraus.
Frage: An welche Partie erinnern Sie sich besonders gern?
Schaaf: An Liverpool gegen Arsenal, das Viertelfinale der Champions League 2008. Ich saß vor dem Fernseher und war absolut begeistert! Innerlich habe ich nonstop Beifall geklatscht. Es gab zwar auch Fehler, aber gleichzeitig so viel Perfektion: Spieler, die einen Ball unter Bedrängnis in einem enorm hohen Tempo angenommen haben. Das war allerhöchste Qualität - und das ohne jede Unfairness. Ein richtiger Wettstreit, bei dem sich beide Seiten alles abverlangt haben. Für so etwas kann ich mich begeistern.
Frage: Sitzen Sie dann am nächsten Morgen an der Taktiktafel und stellen die Spielzüge nach?
Schaaf: Ich überlege mir, wie die Situation abgelaufen ist und wie man so etwas vermitteln kann. Dann kann es durchaus passieren, dass ich das mit Milchdosen, Löffeln oder Gläsern nachstelle, um es selber zu begreifen oder in der Diskussion meinen Co-Trainern anschaulich zu machen. "Hast du das gestern gesehen, wie der das gemacht hat?" Dann überlegen wir, wie wir das bei uns einbauen.
Frage: Kann so etwas dann in der Idee kulminieren, Tim Borowski vom FC Bayern zurückzuholen?
Schaaf: Wir sitzen immer wieder zusammen und schauen, wen wir haben und wen wir brauchen.
Frage: Ist es für Sie von Vorteil, dass Borowski ein eher unglückliches Jahr hinter sich hat?
Schaaf: Natürlich hoffen wir, dass er hochmotiviert ist. Sie müssen das aber auch andersherum betrachten.
Frage: Und zwar?
Schaaf: Wenn es für ihn toll gelaufen wäre, hätte der FC Bayern sicherlich kein Interesse daran gehabt, ihn abzugeben. Und das ist eben die Situation von Werder Bremen: Wir können uns zwar mittlerweile einen teureren Transfer wie Marko Marin erlauben. Andererseits müssen wir immer wieder Situationen finden, in denen ein Spieler bei einem Verein nicht so glücklich ist, wir aber eine hohe Meinung von ihm haben.
Frage: Welchen Ihrer Spieler legen Sie Bundestrainer Joachim Löw für seinen WM-Kader besonders ans Herz?
Schaaf: Da werde ich mich schön zurückhalten. Ich kann nur zur Verfügung stellen, entscheiden müssen andere.
Frage: Können Sie sich vorstellen, auch mal Bundestrainer zu werden?
Schaaf: Ich kann mir vieles vorstellen. Aber momentan bin ich Vereinstrainer und damit sehr zufrieden. Ich beschäftige mich nicht mit irgendwas Anderem.
Frage: Also doch lieber der "Guy Roux von Bremen"? Ihr französischer Kollege trainierte mehr als 40 Jahre lang den AJ Auxerre.
Schaaf: Das ist wirklich nicht mein Ziel - womit ich nicht sagen will, dass ich das hiermit ausschließe. Wenn es denn geschehen würde, dann wäre es so.
Frage: Ist es denn überhaupt denkbar, dass Sie nach 37 Jahren bei Werder eines Tages für einen anderen Verein arbeiten?
Schaaf: Als ich diesen Beruf eingegangen bin, musste mir klar sein, dass es zu Veränderungen kommen kann. Selbst ein Vertrag ist ja keine Garantie. Man weiß zwar, was drin steht, aber nicht, wann er vielleicht aufgelöst wird. Mein aktueller gilt noch bis zum 30. Juni 2010. Solange ich das Gefühl habe, ich kann noch etwas bewirken, will ich auch weiterarbeiten. Wenn das einmal nicht mehr so ist, muss ich aufhören.
Frage: Und nicht, wenn es am schönsten ist?
Schaaf: Nein, dann hätte ich 2004 nach dem Double aufhören müssen. Aber da kommt das wirklich zum Tragen: Wenn ich das Gefühl habe, ich kann noch etwas bewegen, ist das viel wichtiger, als mich im "Kicker"-Almanach verewigt zu haben. Noch einmal: Es kommt mir auf die Arbeit an. Titel sind mir nicht so wichtig.
Frage: Wissen das eigentlich Ihre Bosse?
Schaaf: Für den Verein sind Pokale natürlich wichtig. Man muss ja auch ab und zu das Briefpapier wechseln.
"Ich kann die nicht mehr sehen"
Frage: Nehmen wir mal an, Sie schlagen eine von einem Scheich zusammengekaufte Mannschaft. Ist das nicht nur ein Sieg, sondern auch eine Genugtuung?
Schaaf: Ich will es mal so ausdrücken: Das wäre ein absolutes Spitzenteam, gegen das wir da gewonnen hätten, da freue ich mich sicher ein bisschen mehr.
Frage: Und was wäre, wenn dieser Scheich Ihnen alle Spieler kauft, die Sie gerne hätten?
Schaaf: Die Frage ist: Leidet unter dem Geschäftsgebaren, auf das Sie anspielen, die Seele des Spiels? Als Fußballlehrer bin ich auch daran interessiert, Werte zu vermitteln. Wenn das Geld alles bestimmt, kann ich mir das abschminken.
Frage: Im Sommer wurden Transferrekorde gebrochen. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Finanzkrise. Steigen Sie da noch durch?
Schaaf: Wir überblicken das schon und setzen uns natürlich auch damit auseinander. Am Beispiel des Transfers von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid kann man ganz gut sehen, dass solche Dinge eben machbar sind, weil irgendjemand das Geld zur Verfügung stellt. Wenn der das bezahlen will - okay! Ein Fan von Real Madrid wird sich wahrscheinlich freuen. Aber einem anderen, der von der Wirtschaftskrise persönlich betroffen ist, dem kann man das nicht mehr erklären. Damit tut sich der Fußball keinen Gefallen.
Frage: Braucht es eine Regulierung?
Schaaf: Ich glaube, dass es die geben wird. Nicht durch Gesetze, aber irgendwann wird sich der Markt von allein regulieren.
Frage: Sie hoffen also im Stillen, dass die Finanzierungsmodelle in England, Italien oder Spanien zusammenbrechen und die Bundesliga dann profitiert.
Schaaf: Ich möchte kein Krisengewinnler sein. Das würde voraussetzen, dass etwas auf fürchterliche Weise kaputt geht und viele Fans leiden, Menschen, die alles für ihren Verein geben.
Frage: Haben Sie sich schon bei dem Mann bedankt, der im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Hamburg die Papierkugel aufs Feld warf? Das Ding fälschte den Ball zur Sieg bringenden Ecke ab.
Schaaf: Es stand doch schon 2:1 für uns. Das Spiel hätten wir wahrscheinlich auch so gewonnen. Aber ich mache beiden Teams ein großes Kompliment: Diese Aufeinandertreffen waren Werbung für den Fußball.
Frage: Hatten Sie nicht irgendwann die Nase voll vom Erzrivalen?
Schaaf: Ich glaube, beide Seiten haben am Ende gesagt: "Ich kann die nicht mehr sehen." Man sucht als Trainer ja immer etwas Neues, und nach vier Spielen findet man da nicht mehr viel.
Frage: Ist es ein konkretes Ziel für die laufende Saison, die Europa-League zu gewinnen?
Schaaf: Keine Frage, wenn wir das schaffen würden, wäre das klasse. Die Mannschaft hätte es schon letztes Jahr verdient gehabt, den Uefa-Cup zu gewinnen. Leider waren wir im Finale nicht in der Lage, uns so zu zeigen, wie wir wollten. Wir würden auch gern den DFB-Pokal verteidigen.
Frage: Wir dachten, Titel seien Ihnen nicht so wichtig.
Schaaf: Ich freue mich über jeden Titel. Und für die Fans sind solche Erfolge das Größte. Sie helfen auch dem Image und der wirtschaftlichen Situation des Vereins. Aber einkalkulieren kann man das nicht. Eine Serie von tollen Spielen garantiert noch keinen Titel. Ich gebe also nicht die Vorgabe aus: Wir wollen den und den Pokal holen. Ich sage meinen Spielern: "Wir wollen tollen Fußball spielen. Wir wollen die Leute begeistern - und selbst Spaß haben."
Hier geht es zu Teil eins und zwei des "11FREUNDE"-Interviews mit Werder-Coach Thomas Schaaf.