Gedenkfeier für Robert Enke Trauer in der Kirche der Fans
Verstorbener Enke: Vergleichbares hat es noch nie gegeben in Deutschland
Foto: Joerg Sarbach/ APEs ist 9.45 Uhr, als Teresa Enke den Rasen der AWD-Arena betritt. Der Leichnam ihres Mannes Robert ist im Mittelkreis aufgebahrt, dort stehen Blumenkränze, ein Herz aus Rosen. Teresa Enke wird gestützt, langsam macht sie sich auf den Weg zu dem schlichten Holzsarg. Es ist ein schwerer Gang und ein sehr persönlicher.
Zehntausende klatschen.
Der Applaus ist erst laut, innig, bewundernd und wird dann immer leiser. Zweifelnd. Dann ist er weg.
Die Menschen in der AWD-Arena scheinen in diesem Moment zu schwanken zwischen dem Bedürfnis, dieser starken Frau dort unten ihre Zuneigung zu zeigen. Und gleichzeitig der Würde des Anlasses gerecht zu werden. Alle wirken unsicher, etwas Vergleichbares hat es ja noch nie gegeben in Deutschland. Ein Fußballstadion wird zu einer Kirche, und Zehntausende nehmen unter einem Dach aus Stahl Abschied.
Es ist der Abschied von Robert Enke, der am Dienstag seinem Leben ein Ende gesetzt hatte und dessen Tod zahllose Menschen nicht nur im Fußball schockierte. Hannover 96 organisierte diese öffentliche Trauerfeier in nicht mal fünf Tagen; der Club, erschüttert nach dem Suizid des größten Vereinsidols und selbst nach Halt suchend, wollte auch andere Menschen in ihrem Leid trösten.
Aber es ist nicht leicht, in den Dimensionen und Grenzen der AWD-Arena zu trauern. In einem Stadion, in dem jede Veranstaltung einen Event-Charakter bekommt. In dem bei der Trauerfeier für Robert Enke der Werbeslogan des Stadionsponsors leuchtet: "Mehr Siege, mehr Tore, mehr Netto." Andererseits: Wenn der Fußball für viele eine Religion ist, ist das Stadion dann nicht die Kirche?
Und kann man wirklich behaupten, die spontane Zusammenkunft Tausender am Abend von Enkes Tod sei würdevoller gewesen? Wo doch auch die Trauerfeier in der Hannoveraner Arena so viele erhebende Momente hatte?
11 Uhr. Die komplette Fußballnationalmannschaft erweist Enke die letzte Ehre, auch der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Junge Männer laufen langsam zum Mittelkreis und zurück, gebeugt, kopfschüttelnd. Einige weinen.
Applaus. Stille.
Enkes Familie kommt ins Stadion, wieder applaudiert das Rund, diesmal stehend. Wieder ist es kurz darauf ganz still. Dann setzen sich alle, wie in einer Kirche, nur dass sich das bei 35.000 Menschen wie das Rauschen von Blättern anhört. Junge Männer sitzen da mit roten Schals und roten Augen, sie stehen samstags in der Kurve und brüllen für Hannover. Jetzt haben sie die Hände gefaltet und schweigen.
Schon als die Menschen zum Stadion gelaufen waren, hatten sie das eher bedächtig getan. Sie liefen ganz langsam, vorbei an Händlern, die Robert-Enke-Schals verkauften und zwei Euro für die Stiftung Kinderherz spenden wollten. Ein alter Mann stand vor dem Stadiontor, gestützt auf einen roten Regenschirm. Er hatte einen dunklen Anzug an und die Zeichen der Zeit im Gesicht. Er sei aus Berlin gekommen, sagte er. Der alte Mann kannte Robert Enke nicht, "aber ich verspürte den Drang, hierherzukommen".
Auszüge der Trauerreden zum Gedenken an Robert Enke...
"Die Welt ist nicht im Lot. Wir brauchen doch keine fehlerfreien Roboter. Wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten und mit allen ihren Schwächen und ihren wunderbaren Eigenschaften."
"In Ihrer Pressekonferenz am Mittwoch haben Sie, Teresa Enke, sich mutig, stark und eindrucksvoll an die Öffentlichkeit gewandt. Dadurch ist für uns all das erst erkennbar geworden."
"Nach dem Selbstmord Enkes sind im 'System Fußball' nun Werte wie Maß,
Balance, Fair Play und Respekt gefragt."
"Bei allem Ehrgeiz und Streben für eine gute Zukunft ihres
Nachwuchses sollen auch Eltern daran denken: Fußball ist nicht
alles. Denkt nicht nur an den Schein, Fußball darf nicht alles
sein. Man darf nicht nur wie besessen Höchstleistungen
hinterherjagen"
"Die Fans müssen das Kartell der Tabuisierer und Schweiger durchbrechen."
"Die marternde Frage geht allen durch den Kopf: Warum ist es so gekommen? Auch ich kann keine Antwort geben. Es ist ein Glück und ein Geschenk gewesen, mit einem solchen Menschen zusammenarbeiten zu dürfen. Robert Enke hatte nur Freunde. Und dennoch hat ihm eine heimtückische Krankheit das Herz gebrochen. Unser Entsetzen ist überall zu spüren."
"Robert, du warst eine Nummer eins im echten Sinne des Wortes."
Es ist, als ob ein ganzes Land um Robert Enke trauert. Weil Enke, und das weiß man spätestens seit der Pressekonferenz seiner Witwe Teresa, ein Mann mit Schwächen war, mit Ängsten, Problemen. Einer, der gelitten hatte und doch eher an das Wohl anderer dachte, wie es der Pfarrer Heiner Plochg ausdrückte. "Und der bei einem Konzert mit seiner Frau mitten unter den Menschen saß anstatt sich VIP-Karten zu besorgen." So beschrieb ihn Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff in seiner Trauerrede.
Es ist 11.22 Uhr als Theo Zwanziger an das Rednerpult tritt. Gerade haben sie die Vereinshymne gespielt (96, Alte Liebe), Tausende Menschen bewegten die Lippen dazu, aber sangen nicht. Sie weinten nur. Nun also steht Zwanziger dort, der DFB-Präsident.
Und er trifft den Ton.
Zwanziger stellt Enkes Tod in einen größeren Kontext, er leitet einen Auftrag "dieses an sich sinnlosen Sterbens" für die Allgemeinheit ab. "Lasst uns immer an die Würde des Menschen denken", sagt Zwanziger. Im System Fußball seien nach Enkes Suizid "nun Werte wie Maß, Balance, Fairplay und Respekt gefragt".
Es scheint, der DFB-Präsident habe sich fest vorgenommen zu verhindern, dass Enkes Tod vergeblich war. Zwanziger will Tabus aufbrechen, das Schweigen über Schwächen, über Homosexualität, über Ängste. Er weiß, auch wenn das eine bittere Ironie ist, dass die Chance vielleicht nie so groß war wie jetzt. "Fußball ist nicht alles", sagt Zwanziger immer wieder und appelliert auch an die Eltern junger Fußballer. "Denkt nicht nur an den Schein. Denkt auch an Zweifel und Schwächen."
Denkt immer an Robert Enke.
Es ist 12.05 Uhr, als die Profis von Hannover 96 den Sarg aus dem Stadion tragen. Pfarrer Plochg hat ihnen Stärke für die kommenden Wochen gewünscht. Wer Jiri Stajner beim Training zugesehen hat, weiß, dass es schwere Wochen werden. Jetzt stehen zwei Dutzend Männer dort unten auf dem Rasen, mit Taschentüchern. Sie heulen. Sie zeigen Schwäche. Alle im Stadion klatschen und weinen mit.