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Fußball Exklusiv-Interview

WM-Titel? Bundestrainer Löw hat ein gutes Gefühl

Die Qualifikation für die WM ist geschafft, das Spiel gegen Finnland nur noch Schaulaufen. Für Joachim Löw und die DFB-Elf beginnt nun die Vorbereitung auf den Sommer 2010. Bei WELT ONLINE spricht der 49-Jährige über Kapitän Michael Ballack, den Kampf um die Nummer eins und die Erwartungen an die Nationalspieler.

WELT ONLINE: Herr Löw, Sie haben viele Glückwünsche nach dem Sieg über Russland erhalten. Kam auch einer aus München von Jürgen Klinsmann?

Joachim Löw: Ja, noch am Abend, per SMS.

WELT ONLINE: Was bedeutet Ihnen die Qualifikation ganz persönlich?

Löw: Sie bietet mir ganz einfach die Chance, den begonnenen Weg weiterzuführen, und zwar mit einer gewissen Ruhe. Nach der EM wollten wir junge Spieler heranführen, sie vorbereiten auf die WM 2010 . Mit einer direkten Qualifikation ist uns das gut gelungen.

WELT ONLINE: Sie sagen das so selbstverständlich. Ist es nicht auch ein persönlicher Triumph?

Löw: Natürlich freue ich mich. Für einen Trainer ist es eine Bestätigung, wenn er auf junge Spieler setzt und diese einschlagen. Deshalb ist es wichtig, dass sich einige Junge von der U21-Mannschaft integriert haben. Das ist aber nicht nur an einem Spiel messbar, sondern ein Prozess. Gefreut habe ich mich auch über das positive Gefühl, das die Mannschaft vor dem Russland-Spiel ausgestrahlt hat. Wir haben im Vorfeld immer nur darüber geredet, dass wir in Moskau mutig spielen und gewinnen wollen.

WELT ONLINE: Nach dem Spiel waren Sie wenig euphorisch. Sie saßen auf der Ersatzbank und schrieben Notizen auf einen Zettel. Welche?

Löw: Es waren ein paar Worte, wie Mut, Selbstbewusstsein, Stärke. Das waren Dinge, die die Mannschaft gut umgesetzt hat. Dies wollte ich festhalten.

WELT ONLINE: Jetzt können Sie es ja verraten: Hatten Sie im Vorfeld Pläne für den Fall einer Niederlage erstellt?

Löw: Nein.

WELT ONLINE: Auch keine Rücktrittsgedanken?

Löw: Nein.

WELT ONLINE: Gut, fragen wir anders: Sie sind seit 2004 im Trainerstab des DFB. Wie lange können Sie Bundestrainer sein?

Löw: Das weiß ich nicht. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich völlig überlastet bin oder der Druck zu groß wird. Diese Frage hängt auch immer von Turnieren und Erfolgen ab. Aber man weiß ja: Hätten wir die Qualifikation nicht geschafft, wäre eine weitere Zusammenarbeit nicht einfach gewesen.

WELT ONLINE: Wie stark spüren Sie nach längeren Länderspielreisen den Druckabfall?

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Löw: Wenn ich nach Hause komme, fühle ich schon eine geistige Müdigkeit. Dann gibt es eine Phase, in der ich nicht gern angesprochen werde und erst einmal tief durchatmen muss.

WELT ONLINE: Wie kommen Sie damit klar, als Person des öffentlichen Interesses permanent im Blickpunkt zu stehen?

Löw: Dass ich mich nicht mehr so ganz unbeobachtet bewegen kann, ist klar. Es gibt Tage, an denen ich das Gefühl habe: Etwas mehr Ruhe würde mir gut tun. Wenn ich auf Reisen bin, möchte ich nicht ständig angesprochen werden. Aber in Freiburg habe ich die Möglichkeit, mich zurückzuziehen, dort werde ich überwiegend in Ruhe gelassen. Mein Freundeskreis beschäftigt sich auch nicht unbedingt mit dem Fußball. Dort habe ich die Möglichkeit, neue Kräfte zu sammeln.

WELT ONLINE: Ihr Vertrag endet nach der WM. Knüpfen Sie eine mögliche Verlängerung an Bedingungen, zum Beispiel, dass der Betreuerstab zusammenbleibt?

Löw: Das ist eine Grundvoraussetzung, mit dem Stab bin ich ja sehr zufrieden. In den nächsten Wochen werde ich mir in Ruhe ein paar Gedanken machen: Was möchte ich? Wie soll es weitergehen? Welche Dinge gibt es zu tun? Dann werde ich mich für einen konzeptionellen Austausch mit den Trainern zusammensetzen – und sicher zeitnah mit DFB-Präsident Theo Zwanziger reden. Er hat ja ein Gespräch angekündigt.

WELT ONLINE: Was die Bedingungen betrifft: Wie wichtig wäre Ihnen etwa ein festes Trainingszentrum?

Löw: Das Allerwichtigste für mich ist eine Philosophie, die von jedem im DFB mitgetragen werden muss. Ein Trainingszentrum wäre wünschenswert und im Sinne des Verbandes ein wichtiger Schritt im Hinblick auf die nächsten Jahrzehnte. Aber daran arbeiten wir ja bereits intensiv.

WELT ONLINE: Rund sieben Monate sind es noch bis zur Fussball-WM 2010 . Wie reell ist die Chance auf den Titelgewinn?

Löw: Eine Nation wie Deutschland gehört immer zu den Favoriten. Im Moment habe ich ein gutes Gefühl, denn wir haben uns in den vergangen fünf Jahren in der Spitze etabliert. Es ist aber noch zu früh für ein endgültiges Urteil, denn über unsere Titelchance werden vor allem die vier Wochen Vorbereitung vor dem Turnier entscheiden. Wir haben eine gute Basis und eine Mannschaft, die viel Potenzial nach oben hat.

WELT ONLINE: Worin sehen Sie die Hauptaufgaben bis zur WM?

Löw: Jeder Spieler ist angehalten, sich individuell zu steigern. Alle wissen, wie wir sie derzeit sehen und auf welchem Level wir sie gern hätten. Insgesamt müssen wir uns sicher noch spielerisch verbessern.

WELT ONLINE: Ist der Bremer Mesut Özil, den Sie zuletzt als Kreativen im Mittelfeld eingesetzt haben, der mögliche Schlüssel zum Erfolg?

Löw: Wir haben das 4-3-3-System ja auch schon ohne ihn praktiziert. Aber mit Mesut können wir es noch besser spielen. Durch ihn sind wir viel kreativer geworden.

WELT ONLINE: Vor allem Michael Ballack, der etwas zurückgezogener spielt, profitiert von Özil. Wie beurteilen Sie die Rolle Ihres Kapitäns?

Löw: Es kommt ihm gelegen, dass er mehr von hinten heraus agieren kann und das Spiel vor sich hat. Er kommt viel besser in die Zweikämpfe und wird so für den Gegner noch gefährlicher. Ich muss ganz klar sagen: Michael hat sich in den vergangenen Monaten noch einmal enorm gesteigert. Er ist ein wahrer Leader und Kapitän, weil er viel kommunikativer geworden ist und ständig versucht voranzugehen.

WELT ONLINE: Welche Spieler zählen Sie zu Ihren weiteren Stützen?

Löw: Philipp Lahm, der sehr konstant spielt und im Team absolut anerkannt ist. Oder Per Mertesacker. Er ist total zuverlässig und immer dann stark, wenn wir auf starke Gegner treffen. Bastian Schweinsteiger zähle ich ebenfalls dazu, weil er viel reifer in seiner Art und Spielanlage geworden ist. Dazu kommt Miroslav Klose, der mein Vertrauen seit Jahren rechtfertigt. Das ist meine Achse.

WELT ONLINE: In der ein Torhüter fehlt. Wann legen Sie sich fest?

Löw: Nach dem Länderspiel gegen Ägypten (18. November – d.R.) werden wir uns zeitnah zusammensetzen und die Vorgehensweise festlegen. Bislang hatte ich nicht den Eindruck, dass die Torhüter durch die offene Situation nervlich irritiert waren. Im Gegenteil: Der Konkurrenzkampf, so war mein Eindruck, hat sie angetrieben und sogar ein stückweit besser gemacht.

WELT ONLINE: Hat Torsten Frings, der zuletzt nicht berücksichtigt wurde, noch Chancen auf eine Rückkehr?

Löw: Ja. Im September haben wir unseren Kader der Kandidaten von 40 auf 30 reduziert. Er zählt dazu. Ich werde die Tür für ihn offen halten, weil ich weiß, was für ein erfahrener Fußballspieler er ist. Aber bei ihm lege ich die Messlatte besonders hoch: Er ist in seinem Alter nur richtig gut für die Mannschaft, wenn er körperlich absolut fit ist. Wenn ich das Gefühl habe, dass Torsten so ein Turnier wie die WM optimal durchziehen kann, ist er eine Option.

WELT ONLINE: Wie wichtig ist auf dem Weg zur WM die Unterstützung der Liga?

Löw: Die ist ja grundsätzlich vorhanden. Mit einigen Trainern klappt die Kommunikation sehr gut, mit anderen etwas weniger. Aber es ist normal, dass man nicht immer im Einklang ist und die Vereine auch mal empfindlich reagieren, wenn wir Spieler nicht so berücksichtigen, wie sie es gern hätten. Ich denke, es ist wichtig, dass beide Seiten an die andere denken. So werden wir etwa für die Spiele im November sicher einige Stammkräfte eventuell nicht nominieren, so dass sie sich auf ihre Aufgaben im Verein konzentrieren können.

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