Fußball "Ein ständiges Pushen"
SPIEGEL: Herr Ballack, der Manager der Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, sagt, dass Sie ein großes ...
Ballack: ... Talent sind?
SPIEGEL: Das bestimmt auch. Bierhoff meint, Sie würden ein großes EM-Turnier spielen. Spüren Sie das ebenfalls?
Ballack: Was soll ich sagen? Ich hoff's halt. Aber selbst das hieße noch nicht, dass wir als Team dann auch eine erfolgreiche Europameisterschaft spielen. Vor vier Jahren war ich auch ganz gut in Form, aber wir haben kein einziges Spiel gewonnen. Selbst nicht überragend zu spielen und den Titel zu gewinnen - das wäre mir diesmal recht. SPIEGEL: Seit Sie mit dem FC Chelsea das Halbfinale der Champions League erreicht haben, hört man neue Töne aus England: Medien und Fans bejubeln Sie.
Ballack: Ach, na ja. Es ist immer wichtig, am Ende der Saison, wenn es um die Meisterschaften geht, fit und in Form zu sein. Ich habe wegen meiner Knöchelverletzung ein halbes Jahr lang nicht gespielt, darum zieht sich die Saison jetzt nicht in die Länge. Ich fühle mich fit und bin hochmotiviert.
SPIEGEL: Gibt es noch andere Gründe fürs Leistungshoch?
Ballack: Ich bin nun im zweiten Jahr in England. Man gewöhnt sich an den britischen Fußball, es braucht einfach Zeit, in solch eine Mannschaft hineinzuwachsen.
SPIEGEL: Was mussten Sie lernen?
Ballack: In England wird direkter gespielt, schneller, zielorientierter als in allen anderen europäischen Ligen. Wenn man den Ball bekommt, muss es sofort nach vorn gehen. Es ist ein ständiges Pushen, selbst wenn du in Führung bist, denn sonst hörst und spürst du dieses Murren im Stadion. Und wenn du den Ball hast, sind sie aggressiver in England, aber natürlich musst du auch mehr austeilen. Am Anfang war unser Spiel noch nicht so auf mich zugeschnitten. Es gab andere dominante Spieler.
SPIEGEL: Geht es darwinistisch brutal zu beim FC Chelsea?
Ballack: Es gibt mehr Ausnahmespieler als in München, es ist ein ständiger Fight um Positionen und Rollen.
SPIEGEL: Hat Ihnen der Wechsel nach London schon mal leidgetan?
Ballack: Nein, ich wollte es genau so. Wenn du einen 5000-Meter-Lauf machst, bist du allein viel langsamer als in der Gruppe. Weil du in schwierigen Phasen mitgezogen wirst. Weil du mit den anderen mithalten musst. Nur wenn du neben dir gute Spieler hast und jedes Spiel schwer ist, entwickelst du dich. Mit Bayern München hatte ich in vier Jahren dreimal das Double gewonnen, und in der Champions League sind wir dann oft früh ausgeschieden - es hat mich nicht mehr gereizt, noch mal deutscher Meister zu werden. Ich habe eine neue Herausforderung gesucht.
SPIEGEL: Früher in Leverkusen hat man Sie, in Anlehnung an den Dirigenten Karajan, "Herbert" genannt, in München wurde ständig diskutiert, was für ein Spielertyp Sie sind. Sind Sie jetzt ein moderner Regisseur?
Ballack: Ich bin ein Spieler, der in die, wie man in England sagt, "gaps" geht, in die Lücken. Ich stehe im Halbfeld, spiele Pässe, gehe hinterher, stoße in den Strafraum. Wie Frank Lampard neben mir. Ob das modern ist? Modern ist es, zu gewinnen.
SPIEGEL: Sagt Otto Rehhagel.
Ballack: Man lernt von jedem Trainer.
SPIEGEL: Während Ihrer Verletzungspause konnte man in Deutschland den Eindruck gewinnen, Chelsea wollte Sie verkaufen.
Ballack: Dieser Eindruck ist falsch. Am Anfang musste ich mich sogar gegen die Vorwürfe wehren, die Knöcheloperation sei nicht nötig gewesen und ich hätte sie ohne Erlaubnis in Deutschland vornehmen lassen. Es war eine schwierige Phase, in der Chelsea zwei Titel verspielte. Als Verletzter lebst du nebenher: Du trainierst nicht mit dem Team, du reist nicht mit, du spielst nicht. Je länger das dauert, desto schwieriger wird es, die Akzeptanz zu behalten.
SPIEGEL: Zukunftsängste?
Ballack: Nach drei, vier Monaten fragt man sich: Warum hast du immer noch Schmerzen? Man steht jeden Morgen auf und hofft, dass es bessergeht, wenigstens ein bisschen. Es wird alles Mögliche an Behandlungsmethoden probiert, man kommt in Sackgassen, muss wieder zurück und von vorn anfangen.
SPIEGEL: Als Sie 16 Jahre alt waren, hat Ihnen ein Arzt nach einer Knieoperation gesagt: Das war es mit Leistungssport. Dachten Sie daran zurück?
Ballack: Ja, klar. Damals hätte es ja schon mal vorbei sein können. Wenn jetzt Schluss gewesen wäre, wäre ich nicht zerbrochen, dann wäre es halt so gewesen. Ich habe ja 13 Jahre als Profi gespielt und mich absichern können. Fußball ist Kontaktsport, es gibt ein Berufsrisiko.
SPIEGEL: Was für ein Halbfinale erwarten Sie in der Champions League?
Ballack: Ein offenes. Der FC Liverpool konzentriert sich auf die Champions League, wie in den Jahren davor schont er vor den Halbfinalspielen sieben, acht Stammspieler in der Meisterschaft.
SPIEGEL: Ist das ungerecht?
Ballack: Sie haben keinerlei Titelchancen und können sich auf die Champions League konzentrieren. Ihr Trainer Rafael Benítez macht das clever.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Avram Grant, Ihr israelischer Trainer bei Chelsea, im Mannschaftskreis "Average Grant" genannt wird?
Ballack: Average wie Durchschnitt? Habe ich auch schon gelesen.
SPIEGEL: Grant war ein unbeschriebenes Blatt, als er José Mourinho ablöste, und gilt als Protegé des Geldgebers Roman Abramowitsch. Merkt man das?
Ballack: Wenn das stimmen würde, dann müsste er den Stürmer Andrej Schewtschenko spielen lassen, der ja als Einkauf von Abramowitsch gilt. Macht er aber nicht.
SPIEGEL: Ist die Mannschaft trotz ihres Trainers erfolgreich?
Ballack: Geht das? Genügend Klasse hätte die Mannschaft.
SPIEGEL: Wie im Vorjahr stehen drei englische Mannschaften im Halbfinale der Champions League. Regiert England die Fußballwelt, oder regiert die Fußballwelt England?
Ballack: Beides. Die ausländischen Spieler heben das Niveau in der Premier League erheblich, sie spielen aber auch englisch: mit Kraft, Wucht und Zielstrebigkeit.
SPIEGEL: Ist der Rückstand der Bundesliga nur mit dem fehlenden Geld zu erklären, oder haben Joachim Löw und Oliver Bierhoff recht, die sagen: Die Bundesligamanager machen es sich mit dieser Begründung zu einfach?
Ballack: Bis zu einer gewissen Grenze kann man durch methodisches Vorgehen und systematische Arbeit Mannschaften formen und das Optimum herausholen. Um aber ganz oben mitzuspielen, braucht man Topspieler, und die kosten Geld.
SPIEGEL: Der FC Bayern hat deutlich mehr als 70 Millionen Euro investiert und nun auch noch Jürgen Klinsmann als Coach engagiert. Wie finden Sie das eigentlich?
Ballack: Ich finde es gut, dass die Bayern ihre Meinung so schnell geändert haben und auch bestätigt werden: Die Stars schlagen ein.
SPIEGEL: Würden Sie nun gern dazugehören?
Ballack: Die Frage stellt sich nicht. Ich spiele bei einem absoluten europäischen Topclub.
"Es führt immer ein Weg nach ganz oben"
SPIEGEL: In der Nationalmannschaft hat die Ära Klinsmann hohe Erwartungen geweckt. Und nach einigen gelungenen Qualifikationsspielen galten die Deutschen bereits als Favorit für die Europameisterschaft.
Ballack: Sind wir aber nicht. Im Halbfinale erwarte ich Italien, Frankreich, uns und vielleicht Portugal, das mit Cristiano Ronaldo den überragenden Spieler dieser Saison hat. Da wird es dann eng, Kleinigkeiten entscheiden, manchmal auch Zufälle. Aber der Druck ist jetzt viel geringer. Man muss ja auch realistisch erkennen, dass die deutschen Clubs seit Jahren international nichts gewonnen haben.
SPIEGEL: Der Nationaltorwart Jens Lehmann sitzt in seinem Verein in der Regel auf der Bank, viele Spieler sind außer Form.
Ballack: Das kann sich alles noch fügen. Es gibt Turniermannschaften, die steigern sich rein, sobald es losgeht, es gibt auch Spieler, die lange außer Form waren und zur Nationalmannschaft kommen und plötzlich die Spiele ihres Lebens machen. Was soll ich lamentieren? Es ist nun mal der Zustand, dass wichtige Spieler verletzt sind. Torsten Frings ist so ein wichtiger Spieler, er ist gerade zurückgekommen - und wenn er fit ist, gehört er in die Mannschaft. Wir hoffen alle, dass Christoph Metzelder es auch noch schafft.
SPIEGEL: Bei Real Madrid hatte er in diesem Jahr noch keinen Einsatz.
Ballack: Das ist keine optimale Situation, aber wenn Christoph Metzelder ausfällt, ist im Moment keiner da, der die Lücke nahtlos schließt. Wir können froh sein, dass wir mit Per Mertesacker einen Innenverteidiger haben, der mit seinen 23 Jahren bereits eine absolute Stütze des Teams ist.
SPIEGEL: Teilen Sie unseren Eindruck, dass sich nicht alle weiterentwickelt haben nach der Weltmeisterschaft?
Ballack: Ja, aber warum, das weiß ich auch nicht, ich spiele ja nicht ständig mit allen zusammen. Es ist aber vielleicht auch normal, dass in jungen Jahren die Konstanz noch fehlt. Früher hat man gesagt, dass einer über einen längeren Zeitraum Spitzenleistungen bringen muss, ehe er zur Nationalmannschaft fahren darf, das ist lange vorbei. Wenn ich sehe, wie viele Länderspiele Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski schon haben - die werden ja bald den Rekordnationalspieler Lothar Matthäus eingeholt haben!
SPIEGEL: Cristiano Ronaldo ist auch jung.
Ballack: Das ist wahr. Und er spielt seit zwei Jahren auf unfassbarem Niveau. Es führt immer ein Weg nach ganz oben. Aber der ist steil.
SPIEGEL: Warum ist Jens Lehmann trotz mangelnder Spielpraxis der richtige Torwart für die EM?
Ballack: Aufgrund seiner Klasse. Aufgrund seiner Erfahrung. Er hat die Qualität.
SPIEGEL: Immer noch?
Ballack: Die verliert er nicht.
SPIEGEL: Ist es Lehmanns Glück, dass die eindeutige Nummer zwei fehlt?
Ballack: Vielleicht ist das so, ja. In der Phase, in der Jens besonders angegriffen wurde, hatte auch Timo Hildebrand Probleme in Valencia. Und jetzt, beim 4:0 gegen die Schweiz, hat Jens seine Position als Nummer eins untermauert, die Trainer haben ihn bestätigt, damit ist es gut. Ein Torwart braucht Sicherheit.
SPIEGEL: Bundestrainer Löw erwartet von Ihnen, dass Sie den anderen "Halt geben", wie geht das?
Ballack: Ganz klassisch: mutig spielen, gut spielen. Und auch neben dem Platz ein bisschen so sein, dass die jungen Spieler schauen können, wie es geht.
SPIEGEL: Ist es Schnickschnack, wenn Teamleitung und der Psychologe die EM unter ein Motto stellen: "Bergtour"? Es gibt sogar ein eigenes Logo dafür.
Ballack: Ach, für den einen mag es ein Halt sein, für den anderen Schnickschnack. Wir haben ein Mäppchen bekommen, in dem etwas über die Ziele der Mannschaft steht. Sagen wir es so: Das ist eine Orientierungshilfe ohne übergeordnete Bedeutung. Bergtour heißt: Es wird ein schwerer Weg. Der eine nutzt so etwas mehr, der andere weniger. Ich will nichts gegen Psychologen sagen. Aber ich spiele Fußball, seit ich sechs Jahre alt war, und bin mit dieser Art von Betreuung nicht groß geworden. Als ich zehn war und schlecht gespielt hatte, hat der Trainer mich zusammengestaucht. Punkt. Und im nächsten Spiel habe ich wieder gut gespielt.
SPIEGEL: Bei der WM 2010 werden Sie fast 34 Jahre alt sein. Könnte nach der EM schon Schluss für Sie sein?
Ballack: Ich will bis 2010 für Deutschland spielen. Das ist im Moment mein Ziel.
SPIEGEL: Geht so eine Fußballerkarriere nicht viel zu rasant vorüber?
Ballack: Geht schnell, klar. Aber das hält jung.
SPIEGEL: Bleibt Ihnen Zeit zu genießen?
Ballack: Wenig. Man hat zwei, drei Wochen nach der Saison, dann beschäftigt man sich schon mit der nächsten. Dann musst du wieder um deinen Platz kämpfen. Ich würde mir manchmal wünschen, wenn ich die Zeit hätte, mich über Erfolge länger freuen zu können.
SPIEGEL: Wo leben Sie nach der Karriere?
Ballack: Sicherlich wieder in Deutschland, wahrscheinlich in München.
SPIEGEL: Und was kommt dann?
Ballack: Irgendetwas, das mir Spaß macht.
SPIEGEL: Sind Sie ein Trainertyp?
Ballack: Ich denke schon, aber ob ich das will, ist eine andere Frage.
SPIEGEL: Werden Sie noch einmal wechseln?
Ballack: Das ist nicht geplant. Es würde mich aber auch nicht beunruhigen, weil die wichtigen Wechsel hinter mir liegen. Die Entscheidungen, die ein Fußballer mit 18 oder 23 trifft, das sind die wichtigen, die zählen. Jetzt kann ich keine allzu großen Fehler mehr machen.
SPIEGEL: Gibt es Sportler, die Sie für die Art und Weise ihres Karriereendes bewundern?
Ballack: Michael Schumacher. Das war top. Oder Marco Bode, der mit 33 lautlos abgetreten ist, das war ein unangekündigter, unaufgeregter, großer Abschied.
SPIEGEL: Herr Ballack, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und Jörg Kramer.