
Nicht immer unumstritten, aber selten verzichtbar: Arne Friedrich. imago
kicker: Herr Friedrich, muss man nach dem 3:3 in Finnland Angst um die WM-Qualifikation haben?
Arne Friedrich: Nein. Ich bin vielmehr sehr optimistisch, dass wir erfolgreich durch die beiden Spiele gegen Russland und Wales kommen.
kicker: Was heißt erfolgreich?
Friedrich: Zwei Siege natürlich.
kicker: Was macht Sie nach der Gegentor-Flut in Helsinki so zuversichtlich?
Friedrich: Das darf und wird nicht noch mal passieren. Eine gute Defensive ist die Grundvoraussetzung für den Erfolg, wobei das nicht ein Thema der Abwehr, sondern des gesamten Abwehrverhaltens ist. Außerdem sind mit Michael Ballack, Torsten Frings, Per Mertesacker und meiner Person einige etablierte Spieler wieder dabei, die in Finnland fehlten. Wir werden mit Sicherheit geordneter stehen.
kicker: Bei Hertha BSC sind Sie Pendler zwischen beiden Positionen. Ist dies nicht eine Belastung?
Friedrich: Natürlich ist es das Beste, wenn man immer die gleiche Position spielen darf. Allerdings ist in der Nationalmannschaft die Qualität so hoch, dass man derartige Ansprüche nicht stellen kann.
kicker: Warum sehen Sie sich in der Innenverteidigung stärker?
Friedrich: Ich bin sehr zweikampfstark und schnell, außerdem habe ich ein vernünftiges Passspiel, und mein Kopfballspiel ist auch nicht schlecht. Das sind alles Voraussetzungen, die ein guter Innenverteidiger haben muss.
kicker: Zu EM-Beginn waren Sie Reservist, am Ende einer der Gewinner des Turniers. Welche Lehren ziehen Sie aus dieser EURO?
Friedrich: Es war eine sehr wichtige Erfahrung. Gerade die Tatsache, dass ich im Gegensatz zur EM 2004 und der WM 2006 nicht als Stammspieler ins Turnier ging und zunächst auf die Bank musste, hat mich weitergebracht.
kicker: Inwiefern?
Friedrich: Ich habe gelernt, mich in Geduld zu üben und an mir zu arbeiten. Ich habe eine andere Form von Teamgeist kennengelernt, denn man hat ja auch als Reservist eine Rolle in der Mannschaft.
kicker: Ihre Rolle bestand auch darin, Kapitän Michael Ballack in der Sitzung nach der Kroatien-Niederlage zu ermahnen, positiver gegenüber Mitspielern aufzutreten.
Friedrich: Für mich ist unverständlich, wie so etwas nach außen dringen konnte. Ich habe es mit Sicherheit nicht weitergegeben, denn für mich sind interne Dinge auch intern. Dass da einer geplaudert hat, hat mich schon sehr gestört.
kicker: Die Aussage wurde als generelle Kritik an Ballacks Umgang mit den Kollegen gewertet.
Friedrich: Eine völlige Fehlinterpretation. Es ging in der Diskussion darum, was wir besser machen können. Es ging mir nie darum, ihn als Führungsspieler zu kritisieren oder gar als Kapitän infrage zu stellen.
kicker: Ballack sagte am Montag im kicker-Interview, er werde seinen Stil nicht ändern.
Friedrich: Das sollte er auch nicht, das will ich an dieser Stelle mal ganz klar sagen. Jeder Spieler ist geprägt durch seinen Charakter. Michael Ballack ist ein sehr erfahrener Spieler, der in einer großen Mannschaft spielt. Er muss sich nicht ändern und sich nicht rechtfertigen, wenn er das nicht für nötig erachtet. Dennoch: In der besagten Situation habe ich meinen Standpunkt vertreten, dazu stehe ich auch.
kicker: Was kann der Hertha-Kapitän Arne Friedrich machen, dass sein Verein endlich konstanter spielt?
Friedrich: Unser großes Problem ist, mit Mannschaften klarzukommen, die sich hinten reinstellen. Wir haben nicht die Ruhe und letztendlich auch nicht die spielerische Klasse, um solch einen Gegner auseinander zu spielen. Und es fehlt uns die absolute Siegermentalität. Das ist nicht leicht zu ändern.
kicker: Warum nicht?
Friedrich: Weil dazu jeder Einzelne sich in seiner Persönlichkeit entwickeln muss. Dieses Sieger-Gen, diesen Killerinstinkt bekommt man nicht von heute auf morgen und schon gar nicht durch Reden. Da muss jeder schon etwas für tun.
kicker: Ende September sollte über Ihre Vertragsverlängerung gesprochen werden.
Friedrich: Das wird auch bald passieren. Ich habe alles mit meinem Berater Jörg Neubauer besprochen, er weiß Bescheid. Ich muss bei den Gesprächen nicht dabei sein.

Bereit machen für das 62. Länderspiel: Arne Friedrich (Mitte) im DFB-Training. imago
kicker: Das heißt, Sie wollen in Berlin bleiben?
Friedrich: Das habe ich damit nicht gesagt. Hertha ist mein erster Ansprechpartner und hat Priorität. Ich will mir zunächst anhören, was Hertha sich vorstellt. Auf dieser Grundlage stelle ich meine Überlegungen an. Und da geht es nicht nur ums Finanzielle, sondern auch um die sportliche Perspektive.
kicker: Im Nutella-Spot schießen Sie im Nationaltrikot ein Tor, das keiner sieht. Warum sieht man von Ihnen kein Länderspieltor?
Friedrich: Die Frage habe ich mir auch oft gestellt, bislang hat es nur zu einem Eigentor gegen die Färöer gereicht. An dem Punkt muss ich noch arbeiten.
Interview: Oliver Hartmann